Der Gewinn der Krise


Program
Der Gewinn der Krise, 2010. Deutschland. Länge: 45 Minuten. Regie von Jörg Nowak. Idee und Konzept: Bettina Hohorst, Jörg Nowak. Interviews: Bettina Hohorst, Jörg Nowak. Kamera: Marlene Hentschel, Bettina Hohorst. Schnitt: Kay Kastner. Musik: Florian Glässing, Torsten Stanke, sujet automatique, Firefly, Kay Kastner.vid. Sprache: Deutsche. Länge: 45 Minuten.

Dokumentarfilm zur Wirtschaftskrise: Der subjektive Blick auf die Situation im ersten Krisenjahr. Auf einer Reise durch sechs deutsche Städte im Frühjahr und Sommer 2009 schildern neun Betroffene ihre Perspektive auf die Wirtschaftskrise. In den Gesprächen mit den Interviewten entstanden Schilderungen der Veränderungen des Alltags und der Arbeit in den letzten 10 bis 20 Jahren. Als Roadmovie konzipiert, zeigt der Film das Lebensumfeld der Befragten und die Landschaft, wie sie von der Autobahn aus gesehen wird.
Wenn es um die Krise geht, ist viel zu lesen von der Funktion der Finanzmärkte, Staatsschulden und wackelnden Banken, manchmal auch von Überproduktion und sinkenden Profitraten des Kapitals, aber selten vom Widerstand gegen diese Entwicklungen und der subjektiven Wahrnehmung der Krise durch Arbeiterinnen und Arbeiter.
Um diesen blinden Fleck aufzuhellen, sind wir mit einem knappen Fragebogen aus elf Fragen im Mai und Juli 2009 durch Deutschland gefahren, um Betroffene zu fragen. Die Route hat sich an Zeitungsmeldungen über Entlassungen, Werksschließungen und Kämpfe in Betrieben orientiert. Befragt haben wir aber auch Leute, die wir auf der Straße getroffen haben oder die wir vorher schon kannten. Deutlich zu bemerken war, dass in einigen Regionen die Lage anders war als in Berlin, wo industrielle Beschäftigung schon früher abgebaut wurde: In Berlin ist einfach nicht mehr viel abzubauen und die Krise traf vor allem die Hochburgen der westdeutschen Industrie. Besonders deutlich ist der Zusammenhang zwischen Arbeitsbedingungen und Finanzkrise im Fall der Wäscherei in Glückstadt. Dort wirkt sich mittelbar die Übernahme der HSH Nordbank so aus, dass Wäschereien in den östlichen Bundesländern mit niedrigeren Lohnkosten durch öffentliche Unternehmen bevorzugt werden (ausführlicher dazu bei Hintergrund weiter unten).
Auffällig ist, dass sowohl in Ost- wie Westdeutschland der wehmütige Blick zurück die Perspektive auf das Heute prägt. In Ostdeutschland äußert sich dies als DDR-Nostalgie („Da gings uns besser“), im Westen als Nostalgie in bezug auf den Sozialstaat und auf Unternehmer, die am Wohlergehen ihrer Belegschaft interessiert sind. In beiden Fällen geht es im Kern darum, dass die eigene Arbeitsleistung früher stärker wertgeschätzt wurde - sowohl was die Bezahlung angeht als auch respektvolle Umgangsformen mit den Mitarbeitern. Im Wissen darum, dass es auch mal anders ging, gleichen sich Ost und West, auch wenn die konkreten Bedingungen andere sind. Das Gefühl, von den Unternehmern nur als Ware betrachtet zu werden, die nach Belieben von A nach B verlagert wird, breitet sich aus. Der Leistungsdruck und der Zwang zur Mobilität wirken sich auf das Zusammenleben aus: „Die Familien werden eigentlich zerstört“, sagt ein Arbeiter von Coca-Cola und „Die Alten gehen ins Altenheim, weil jeder ist berufstätig“, sagt eine Wäscherin.
In keinem der Interviews werden Erwartungen oder Hoffnungen mit der etablierten Politik verbunden. Die zum Teil geäußerten Wünsche nach etwas Anderem bleiben vage. Unumstritten ist „die Gewerkschaft“ letzter verbliebener sozialer Ort der politischen Organisierung von Arbeiterinnen und Arbeitern und Institution der Gegenmacht, auch wenn sie von einigen Interviewten kritisch beurteilt wird. Daneben wurde auch klar, wie wichtig der Betrieb nach wie vor als Ort des Zusammentreffens ist, Arbeitslosigkeit ist gleich bedeutend mit dem Verlust sozialer Kontakte und der Möglichkeit des politischen Eingreifens.

Jörg Nowak
Jörg Nowak, Jahrgang 1973, lebt in Berlin und hat in den letzten zwei Jahren an der Universität Kassel gearbeitet. Dies ist sein erster Film. 2008 wurde eine Doktorarbeit in Politikwissenschaft zu Staatstheorie und der deutschen Familienpolitik beendet. Langjährige politische Arbeit zu Sozialpolitik und Arbeitsverhältnissen, zuletzt und weiterhin im Komitee „Solidarität mit Emmely“. Veröffentlichungen zu Marxismus, feministischer Theorie und zu Strategien der Arbeiterbewegung.

Datum
Freitag 23.07 at 21:00

Anschließend Diskussion mit dem Filmemacher

Eintritt Frei

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